Argarproduktehandel und Hunger

Dr. Th. Braunschweig in Teufen (Foto: Erika Hunziker)
Dr. Th. Braunschweig in Teufen (Foto: Erika Hunziker)
Eine interessierte Schar folgte am Freitagabend, 11. Mai im Kirchgemeindehaus Hörli in Teufen AR den Ausführungen von Dr. Thomas Braunschweig. Die globalen Strukturen des Agrarmarktes standen im Zentrum seines Inputs der diesjährigen Jahresveranstaltung der OeME beider Appenzell. Text und Bilder: Heinz Mauch-Züger (hm)
Erika Hunziker,
Der weltweite Agrarhandel ist ein umstrittenes Thema und bringt auch die Schweiz in eine zwiespältige Position. Das Vertreten der eigenen Agrarpolitik auf der einen Seite und der Umstand, dass sich viele Hauptsitze der global agierenden Konzerne in der Schweiz befinden, erleichtert eine kritische Position nicht unbedingt. Thomas Braunschweig, Experte für Handelspolitik bei der Erklärung von Bern, Mitautor des erfolgreichen Buches „Rohstoff – Das gefährlichste Geschäft der Schweiz“ begann seine Ausführungen mit dem Menschenrecht auf Nahrung. Sachlich und faktenorientiert führte er die Zuhörer in eine Welt mit eigenen Gesetzmässigkeiten ein.
Menschenrecht und Realität
Das Recht auf Nahrung, bildet als ausformuliertes Menschenrecht die Grundlage für den Markt im Agrarbereich. Es basiert auf den Begriffen Verfügbarkeit, Zugang, Versorgungsstabilität und Nutzung. Im Rahmen der World Trade Organisation, WTO, wird schon jahrelang über Regeln diskutiert, wie sich der Anbau und der Handel von Landwirtschaftsprodukten gestalten sollte. Es treffen hier Forderungen nach freiem Handel auf subventionierte Landwirtschaften und unterschiedliche landwirtschaftliche Produktionssysteme wie Industrie und Kleinanbau aufeinander. Eine Lösung zeichnet sich nicht ab. Thomas Braunschweig erklärt die Realitäten am Beispiel des Getreidehandels. Mit dem Bild der „Wespentaille, wo oben viele Produzenten, in der Mitte wenige Händler und unten eine riesige Anzahl Abnehmer zu sehen sind, verdeutlicht er den Engpass der Entwicklung.
Wenige verdienen immer mehr
Die zentrale Position weniger Konzerne wie ADM, BUNGE, Cargil und Louis Dreyfus, von Thomas Braunschweig als ABC-Club bezeichnet, bringt diese in eine Position, wo nicht nur wirtschaftliche, sondern auch politische Konstellationen sehr stark beeinflusst werden können. Der Missbrauch beginnt dort, wo in Richtung Anbau kleinräumige Strukturen mit industrieller Produktion weggefegt werden und wo die erwirtschafteten Gewinne nicht im Produzentenland anfallen, sondern durch komplexe Unternehmensstrukturen aus dem Land geschafft werden und in steuergünstigen Ländern wieder auftauchen. Einer dieser steuergünstigen Orte ist die Schweiz.
Eigene Weltordnung
Thomas Braunschweig führt aus, dass in den letzten Jahren durch die Verschiebung der Aktivitäten der traditionellen Händlerfirmen in Richtung Produktion und in Richtung Verkauf die Wespentaille schlanker und die Wertschöpfung um einiges grösser geworden ist. Mehr und mehr haben sich die Konzerne auch in die Verarbeitungskette der Nahrungsmittel eingeschaltet, gleichzeitig wurde auch das Engagement im Bereich Handel verstärkt. Absprachen untereinander sorgen für eine klare Schwerpunktbildung. Es wird keine Energie in Konkurrenzkämpfe gesteckt, durch eine klare Aufteilung und das verstärkte Engagement in der Wertschöpfungskette bleibt für alle mehr als genug.
„Es sind Strukturen, wo für die Schweiz etwa drei Landwirtschaftsbetriebe ausreichen würden. Alle anderen Bauernbetriebe könnten wir uns sparen,“ meint Thomas Braunschweig. Es wird deutlich, dass hier gewaltige Abhängigkeiten entstehen, wo eine Marktsteuerung nach Angebot und Nachfrage nicht einfach über freie Marktmechanismen funktioniert. So lange die Regale voll sind, stört das kaum jemanden.
Konsequenzen
Zum Abschuss seiner Ausführungen weißt Braunschweig auf die Konsequenzen der starken Position der Konzerne hin. Preisabsprachen, Gebietsmonopole, Spekulationen auf Börsenentwicklungen. In Richtung Produzenten kann Druck auf die Bauern ausgeübt werden, was wo und wie angebaut wird. Gewinnperspektiven werden zentral, wie die Ausrichtung auf Biotreibstoff zeigt. Die Fläche für den Anbau von Nahrungsmitteln für den Menschen wird verkleinert. Die Konsequenzen für den Konsum sind ebenfalls beträchtlich. Verschwendung bei uns, zu grosser Fleischkonsum bei uns, eine zunehmende Abhängigkeit von wenigen Lebensmittellieferanten, die auch Anbauer, Produkteveredler und immer öfter auch selber Detaillisten sind.
Genug für alle
Es werden gegenwärtig genug Lebensmittel für alle Menschen produziert. Die Verteilung dieser Lebensmittel geschieht jedoch nicht automatisch. Sie ist oft gerade in den Anbauländern nicht gewährleistet. Bei uns sind die Regale voll. Wir sind zahlungskräftig und erhalten dafür das Angebot. Arme Länder haben kaum Zugang zu den Produkten und können preislich gegen die mit starken Subventionen geschützten Importe nicht mithalten. Am Ende bleibt Ratlosigkeit. Was kann ich als einzelner tun? Thomas Braunschweig verteilt keine Patentrezepte. Sich informieren, als Konsument darauf achten, was ich kaufe und als Bürger darauf achten, wen ich wähle. Das Engagement von Organisationen wie der Erklärung von Bern ermöglicht immerhin Beachtung in der Politik und den Medien. Weit weg erscheint die Zeit, wo „Bananenfrauen“ auf ungerechte Zustände aufmerksam machten. Erreicht wurden Fairtrade Labels und ein doch beachtliches kritisches Bewusstsein. Ganz erfolglos war das Engagement seit den siebziger Jahren nicht.